In den Tagen kurz vor dem Tết, wenn arme Menschen hektisch versuchen, ein paar zusätzliche Đồng zu verdienen – damit es noch für einen Topf Bánh Chưng und ein neues Kleidungsstück für die Kinder reicht –, startet plötzlich wieder eine „Sonderkampagne“ im Gleichschritt. In der Sprache des Volks ist das der Moment, in dem Generalsekretär Tô Lâm „die Truppen ausschwärmen lässt“, um die Bürgersteige zu räumen: Ordnung herstellen, alles blitzblank, geschniegelt, eng und sauber – ohne Platz für Straßenhandel oder für die kleinen Schicksale am Rand.
In diesem vertrauten Drehbuch wird die Großmutter, die ein paar Gläser Zuckerrohrsaft verkauft, oder der alte Mann, der einen klapprigen Bánh-Mì-Wagen schiebt, auf einmal zum „Objekt, das zu behandeln ist“. Man packt sie ein, verfrachtet sie auf Fahrzeuge – wie Trophäen –, begleitet von Sirenengeheul und blau-rotem Blinklicht, als wären sie gefährliche Kriminelle. Und der Bürgersteig? Der wirkt auf einmal ungewohnt weit und sauber: breit genug, damit Luxusautos bequem vorbeigleiten, und angenehm genug, damit Funktionäre beim Spaziergang die „zivilisierte“ Stadt betrachten können.
Das eigentliche Ziel liegt nicht in urbaner Ordnung, sondern darin, das Gesicht der Stadt zu „verschönern“ – vor Feiertagen, Konferenzen, oder einfach, um die Macht eines polizeilich dominierten Systems zu demonstrieren. Das Recht wird streng angewandt – merkwürdigerweise jedoch nur gegen die Armen. Gegen Korruption, Vetternwirtschaft und jene Geldsäcke, die auf unnatürliche Weise anschwellen, wird das Gesetz dagegen weich wie Reisnudeln.
Die Armen gelten wie Unkraut oder Abfall: wegfegen, damit es die Augen nicht stört. Das tägliche Brot wird dem geopfert, was man „Stadtbild“ nennt. Und so wird unter dem Banner von „Fairness“ und „Zivilisiertheit“ die Ordnung wiederhergestellt – aber es ist eine Ordnung für die da oben; die da unten müssen hungrig bleiben und … schweigend das Tết empfangen.
Lê Anh










